Zwei Textbeispiele aus dem Bereichen Komödie und Filme mit Herz.

Bereich: Komödie

Stilblüten


INNEN. BOUTIQUE – TAG.

 

Yvonne kommt aus der Umkleidekabine. Das Kleid, das sie trägt, ist sehr exklusiv, passt jedoch hinten und vorne nicht. Yvonne ist unzufrieden, zupft genervt an sich herum. Der Verkäufer versucht, die Situation zu retten.

 

GORDON: (begeistert) Diese Farbe!

YVONNE: Ja?

GORDON: Unglaublich!

YVONNE: Aber der Schnitt …

GORDON: … steht Ihnen ausgezeichnet! Passt wie angegossen.

 

Yvonne betrachtet sich zweifelnd im Spiegel.

 

YVONNE: Ist das nicht ein paar Nummern zu klein?

GORDON: Nein! Aber nicht doch.

YVONNE: Vor allem … um die Hüften?

GORDON: Merkt man kaum.

YVONNE: Was merkt man kaum?

GORDON: Also diese Farbe! Daran kann man sich gar nicht sattsehen.

YVONNE: (kühl) Ich schon.

GORDON: Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass in der Winterkollektion ganz bestimmt etwas Tolles für Sie dabei ist?

YVONNE: Dabei hatte ich eigentlich nicht an so was gedacht.

GORDON: Das ist doch aufregend!

YVONNE: Es ist irritierend.

GORDON: Allein der Stoff …

YVONNE: Viel zu wenig Stoff!

 

Gordon beginnt ebenfalls, an dem Kleid herumzuziehen, um es besser in Szene zu setzen.

 

GORDON: Sie müssen sich das mehr … mehr für den Sommer, sommerlich vorstellen.

YVONNE: Sagten Sie nicht gerade, das ist aus der Winterkollektion?

GORDON: (gestisch) Sandstrand, ein wolkenloser Himmel, azurblaues Wasser, eine leichte Brise kommt auf, dazu wird ein Glas eiskalter Rosé serviert …

YVONNE: Um dieses Kleid in der Öffentlichkeit zu tragen, bräuchte ich vorher schon eine Flasche Rosé!

GORDON: Sie sehen das zu eng.

YVONNE: Womit wir wieder beim Thema sind: Das Kleid ist eindeutig zu eng!

GORDON: Das trägt man jetzt so.

YVONNE: Wo denn? Im Irrenhaus?

GORDON: In Paris. 

YVONNE: (spöttisch) Die Franzosen sind sich auch für nichts zu schade.

GORDON: Also, auf der Fashionweek …

YVONNE: … würde man mich in dem Kleid bestimmt sofort verhaften!

 

Gordon seufzt.

 

GORDON: Na gut, vielleicht probieren wir dann noch etwas anderes.

YVONNE: Sehr schön. Diesmal vielleicht etwas in meiner Größe?

GORDON: Sie können doch eigentlich alles tragen.

YVONNE: Können schon, muss ich aber zum Glück nicht.

GORDON: (verdreht die Augen) Wenn Sie es sagen …

YVONNE: Meine Nachbarin hat da ja kürzlich so etwas  in schwarzer Spitze bei Ihnen gekauft.

GORDON: Das mit den kleinen weißen Schleifchen am Dekolletee?

YVONNE: Entsetzlich … die sah aus! Letzte Woche war das große Grillfest beim Bürgermeister – da hatte sie es an, und ich sag mal: wie eine Presswurst auf zwei Beinen! Dass die sich nicht schämt …

GORDON: Ich habe ihr dringend von diesem Modell abgeraten. Aber Sie wissen ja, wie das manchmal ist …

 

Yvonne sieht Gordon direkt an.

 

YVONNE: Und wie wäre das bei mir? Wenn ich es mal anprobieren würde?

GORDON: Dasselbe Kleid?

YVONNE: Das gleiche Kleid.

GORDON: Phänomenal. Ganz auf Ihrer Linie. Aber … (vertraulich) … das kann ich eigentlich nicht machen. Das wäre ja … skandalös! Sie verstehen?

YVONNE: Es gibt unsagbar viel Leid auf der Welt, Gordon. So viele, viele schlimme und hässliche Dinge. Sorgen wir doch in all diesem Elend für einen Moment der Schönheit …

 

Yvonne geht eiskalt lächelnd und hocherhobenen Hauptes in die Umkleidekabine ab. Gordon verdreht die Augen.

 

GORDON: (leise zu sich) Ich sag’s ja immer: Nobel geht die Welt zugrunde.

 

Gordon holt das Kleid.

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Bereich: Herz

Lachscarpaccio


AUSSEN. KINDERSPIELPLATZ – TAG.

 

Martina und Patrick sitzen auf einer Bank, man hört vor ihnen eine Horde Kinder auf einem Spielplatz herumtollen.

 

MARTINA: (in Richtung des Sandkastens) Vincent! Lass bitte die Luna auch mal mit dem Feuerwehrauto spielen! Du hattest es schon die ganze Zeit …

PATRICK: (sieht Martina fragend an) Aber … wie … wie geht es denn jetzt weiter?

MARTINA: Was meinst du?

PATRICK: Na … mit uns?

MARTINA: (schulterzuckend) Ja, gar nicht?

PATRICK: (sichtlich entsetzt) Was?!

MARTINA: Patrick, wir sind seit drei Jahren geschieden.

PATRICK: Was noch lange nicht heißt, dass ihr einfach abhauen könnt!

MARTINA: Wir hauen nicht ab.

PATRICK: Ausgerechnet nach Hamburg.

MARTINA: Ach komm, Hamburg ist doch schön.

PATRICK: Was soll denn da bitte schön sein? Lauter eingebildete Lackaffen in bunten Polohemden, die den ganzen Tag Aperol Spritz trinken und Lachs-Carpaccio in sich reinschaufeln.

MARTINA: Übertreibst du da nicht ein bisschen?

PATRICK: Wirst schon sehen.

MARTINA: Ja, sicher …

 

Kurzes Schweigen, beide starren vor sich hin.

 

PATRICK: Ich kann deinen Neuen jetzt schon nicht ausstehen. 

MARTINA: Wie oft habt ihr euch denn bisher getroffen?

PATRICK: Einmal. Das reicht.

MARTINA: Mein Neuer hat übrigens auch einen Namen.

PATRICK: Anne.

MARTINA: Arne!

PATRICK: Mit den langen blonden Haaren könnte er auch Anne heißen.

MARTINA: Wow, da ist aber jemand gut gelaunt.

PATRICK: Ich möchte dich mal sehen, wenn ich plötzlich, von heute auf morgen, wegziehen würde.

MARTINA: Das ist erst in drei Monaten! Frühestens.

PATRICK: Drei Monate gehen rum wie nix.

MARTINA: Nicht, wenn man das alles organisieren muss – eine neue Wohnung, das Umzugsunternehmen, einen Kindergartenplatz …

PATRICK: Der hätte sich ja auch hier eine Stelle suchen können.

MARTINA: Das war nicht allein seine Entscheidung, die Firma versetzt ihn nach Hamburg.

PATRICK: Hätte er sicher auch ablehnen können.

MARTINA: Ja, und das wäre dann vermutlich das Aus für seine Karriere gewesen.

PATRICK: (spöttisch) Karriere.

MARTINA: Wenigstens hat er einen Job!

PATRICK: Ja, klar – und zwar als Immobilien-Hai! Sehr sympathisch.

MARTINA: Er ist Projektsteuerer in einer Wohnbaugesellschaft. Das ist ganz was anderes.

 

Wieder kurzes Schweigen.

 

PATRICK: Und wie machen wir das mit Vincent?

MARTINA: Du kannst uns jederzeit besuchen kommen, an den Wochenenden. Und in den Ferien bringen wir ihn zu dir, so lange du willst.

PATRICK: Das sind sechs Stunden Fahrt, Martina! Einmal quer durch Deutschland!

MARTINA: Für deinen Sohn sollte dir das nicht zu viel sein, oder?

PATRICK: Ist es ja auch nicht. Es ärgert mich nur, dass unser gesamtes Leben umgekrempelt wird, bloß, damit dieser Fatzke mehr Kohle verdient! Denkt der vielleicht hin und wieder auch mal an dich und Vincent? Zur Abwechslung? Was er euch damit antut?

MARTINA: Wir haben das gemeinsam entschieden.

PATRICK: (beleidigt) Aber ohne mich!

 

Martina seufzt und steht von der Bank auf.

 

MARTINA: Manchmal bist du echt voll zum Kotzen, Patrick. 

PATRICK: Ich?!

MARTINA: Ja, du. Und das sage ich nur, weil ich dich immer noch mag. Sehr sogar! Bring mal ein paar Sachen in deinem Leben auf die Reihe.

PATRICK: (zynisch) Na, danke für den Tipp.

MARTINA: (wieder in Richtung des Sandkastens) Vincent? Komm, wir gehen. Sag dem Papa bitte Tschüss. Wir müssen für heute noch was zum Abendessen einkaufen …

PATRICK: Wahrscheinlich Lachs-Carpaccio.

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